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Wologda, Kulturhauptstadt des Russischen Nordens

Wologda hat eine wichtige Rolle bei der Erschließung des Russischen Nordens gespielt. Die abgeschiedene Region mit vielen Seen, wo die Stadt liegt, zog seit dem 14. Jahrhundert Mönche an. Seit jener Zeit blieben hier das majestätische Kirillo-Beloserski-Kloster und das steinerne Ferapont-Kloster mit Dionysius-Fresken, das zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört, erhalten. Wologda selbst wird die Stadt mit fünfzig Kuppeln genannt. Heute funktionieren in der Stadt 26 Kirchen, und das ist nur ein Drittel von denen, die es vor der Revolution gab! Kloster und Kirchen besichtigen, alles über die in Russland berühmte, feinste Wologda-Spitze erfahren, die beliebte Wologdaer Butter auf der Zunge zergehen lassen — das sind Hauptgründe, um dieser ruhigen Nordstadt einen Besuch abstatten zu wollen.

Die Geschichte von Wologda begann mit der Gründung des Dreifaltigkeitsklosters. Der Legende über den Ehrwürdigen Gerasimos nach hatte er das Kloster 1147 gegründet, was Wologda gleichaltrig mit Moskau macht, obwohl die Archäologen auf diesem Boden nur Bauten aus dem 13. Jahrhundert entdeckt haben. Mehrere Jahrhunderte lang gehörte Wologda zur Nowgoroder Republik, aber Ende des 14. Jahrhunderts hatten die Moskauer Fürsten ihre Ansprüche auf diese Stadt erhoben. 1371 wurde unter ihrer Obhut das auch heute funktionierende Spaso-Priluzki Männerkloster gegründet, das erste Kloster im Russischen Norden. Das älteste auf seinem Gelände erhalten gebliebene Bauwerk ist die Kirche des Nicht von Menschenhand geschaffenen Erlöserbildnisses aus dem Jahr 1542.

Zar Iwan der Schreckliche, der Klöster hierzulande oft besuchte, hatte sogar mit dem Gedanken gespielt, die Hauptstadt nach Wologda zu verlegen. Unter seiner Regierung wurde 1567 mit der Errichtung des steinernen Kremls von Wologda angefangen. Dem Entwurf nach sollte er doppelt so groß werden als der Moskauer Kreml. Den Grundstein wurde am Tage der Heiligen Aposteln Jason und Sosipater gelegt, deshalb wurde Wologda auch Nason-Stadt genannt. Aber 1571 war der Zar plötzlich abgereist und kam nie wieder nach Wologda. Der Legende nach, als der Zar die sich in Bau befindende Kirche besuchte, fiel auf ihn ein Putzbrocken herunter, was der Zar als ein schlechtes Omen deutete. Letztendlich wurde der Kreml fertig gebaut, aber kleiner als er geplant wurde. Jetzt sind der Kreml und seine Sophienkathedrale mit fünf Kuppeln und aus dem 17. Jahrhundert stammenden Fresken die wichtigsten Sehenswürdigkeiten von Wologda.

Solange Wologda auf dem Handelsweg zwischen dem Moskauer Reich und den westlichen Nachbarn lag, wuchs sein Wohlstand. Der gebürtige Wologdaer Ossip Nepeja war sogar der erste Botschafter Russlands in England. Es wurde mit Pelzen, Fisch, Korn, Wachs gehandelt, in Wologda selbst wurden Holz und Flachs verarbeitet, die Klöster betrieben Salzsiedereien.

Bis heute haben Fischgerichte einen Ehrenplatz in der lokalen Küche. In Wologda sollte man unbedingt Kartoffelpuffer (hier «draniki» genannt) mit Hering und gebratener Zwergmaräne, einem Süßwasserfisch, kosten, der im 17. Jahrhundert «Zarenhering» genannt wurde. Sehr beliebt sind auch Pasteten (russisch: pirogi), zum Beispiel, Rybnik (vom russischen Wort «ryba» — Fisch), eine Pastete aus Blätterteig mit Füllung aus Fischfilet, Kartoffeln und Zwiebeln. Ein traditionelles Wintergericht der Bauernküche ist Kohlsuppe nach Wologdaer Art (russisch: Schtschi po-wologodski). Die Vorräte dazu werden im Oktober für den ganzen Winter angelegt: grüne Blätter und Kohlköpfe werden geschnitten und in einem Kessel über offenem Feuer gekocht. Dann werden die Blätter in Holzbottiche geschichtet, zusammen mit dem Roggenteig als Gärungsmittel und dem Salz. Um die Kohlsuppe zu kochen, wird die gefrorene Kohlmasse aus dem Bottich ausgeschnitten, dann lässt man sie mit Hammelfleisch im Ofen ziehen. Diese Kohlsuppe wird mit saurer Sahne und gekochten Kartoffeln serviert. Die gekochten Kartoffeln hat man hier schon immer gerne mit Butter gegessen. Und mit Butter kennt man sich in Wologda aus. Die Wologdaer Butter ist in Russland sehr beliebt. Diese Butter hat auch ihren Erfinder: 1878 hat Nikolai Wereschtschagin versucht, pasteurisierte Sahne 10 bis 15 Minuten lang bis zu 98°С zu erhitzen, so hat er den «goldenen Standard» der Butter gefunden. Man glaubt, dass diese Butter ihren leichten walnussartigen Beigeschmack der Milch Wologdaer Kühe verdankt, die hier auf den Flussauen weiden. Heutzutage haben Milchprodukte aus der Oblast Wologda einen festen Platz in den Ladentheken der beiden Hauptstädte, vor der Revolution 1917 wurde die Wologdaer Butter sogar nach Europa unter der Marke «Peterburshskoje» (aus Petersburg) exportiert. Offiziell bekam die Butter den Namen «Wologodskoje» (aus Wologda) erst 1939, die Rechte auf diese Marke haben nur die einheimischen Hersteller.

Im 18. Jahrhundert machte Wologda schwierige Zeiten durch. 1612 wurde die Stadt von den polnisch-litauischen Heeren eingenommen. In drei Tagen wurde Wologda geplündert und niedergebrannt. Zur Erinnerung an diese Ereignisse findet jährlich Ende Mai ein Festival im Kirillo-Beloserski Kloster statt: eine Rekonstruktion der Belagerung des Klosters mit Reiter- und Fußvolkparade, militärischem Zeltlager und mittelalterlichem Markt.

Wologda wurde nach dieser Tragödie schnell wiederaufgebaut. Neue Hoffnungen hat der Stadt Peter der Erste geschenkt. Er besuchte die Stadt mehrmals und hielt sie für ein erfolgversprechendes Schiffsbauzentrum. Im Haus des holländischen Kaufmannes aus dem 17. Jahrhundert, wo sich der Zar aufhielt, wurde 1885 das älteste Museum von Wologda eröffnet: Museum-Haus Peters I. Aber nach der Gründung von Sankt Petersburg versank Wologda im Schatten der neuen Hauptstadt. Der Ukas des Zaren aus dem Jahr 1722, demzufolge der Handel über Archangelsk beschränkt wurde, hatte das wirtschaftliche Wohl der Stadt schwer getroffen. Später unter der Regierung Katharinas II., verloren die Klöster ihre Ländereien und zerfielen nach und nach. Dabei behielt die Stadt ihren Status eines regionalen Zentrums bei und wurde 1796 zur Hauptstadt des Gouvernements Wologda. Im späten 19. Jahrhundert hatte der Bau von Eisenbahnstrecken einigermaßen Leben in die Stadt eingehaucht, als Wologda mit Jaroslawl, Moskau, Archangelsk und Sankt Petersburg verbunden wurde.

Im 19. Jahrhundert wurde Wologda zum Verbannungsort der Revolutionäre. Im Museum «Politischer Verbannungsort Wologda» kann man sich über das Leben berühmter Persönlichkeiten in Wologda informieren: Josef Stalin, Lenins Schwester Maria Uljanowa, zukünftigem Anführer der Bolschewiki Molotow und Lunatscharski. Eine Stele in der Kosljonskaja-Straße erinnert daran, dass hier Josef Conrad, ein Klassiker englischer Literatur, vier Jahre seiner Kindheit verbracht hatte: sein polnischer Vater wurde 1861 nach Wologda deportiert.

Wologda ist durch seine Holzhäuser berühmt, die im Klassizismus-, Empire- und Jugendstil gebaut wurden und mit geschnitzten Simsen, Balkons und Fensterverkleidungen verziert sind. Aber historische Bauwerke verschwinden nach und nach. Während eines Spaziergangs durch die Stadt sollte man sich das Haus von Worobjow in der Sassodimski-Straße, Haus Nr. 29 in der Lermontow-Straße, Haus von Butyrina in der Blagoweschtschenskaja-Straße ansehen. Im Museum für vergessene Dinge kann man sich über das Alltagsleben der Stadteinwohner informieren. Im Erdgeschoss gibt es eine Rekonstruktion der typischen Innenausstattung eines Stadthauses um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Das Museum für Baukunst und Ethnographie «Semjonkowo» sollte man besuchen, um zu sehen, wie zu gleicher Zeit das Dorf im Russischen Norden aussah und wie man dort lebte. Ein interessanter Ausflug in die Welt der Wologdaer Spitze wartet auf diejenigen, die das einzige Museum für Spitze Russlands auf dem Kreml-Platz besuchen möchten. Hier kann man Finessen und Schwierigkeiten der Spitzenherstellung aus Flachsfaden kennen und schätzen lernen.

In Wologda gibt es einige originelle Denkmäler, z.B., das Denkmal der ersten Laterne auf der Pretschistenskaja-Uferstraße, wo vor 100 Jahren die erste elektrische Laterne der Stadt aufgestellt wurde. Und das 2012 in der Parkanlage «Sobornaja Gorka» (deutsch: Kathedralenhügel) aufgestellte Denkmal dem Buchstaben «O» spricht für Humorgefühl der Stadtbürger, die auf ihr betontes «O» in ihrer Aussprache stolz sind.

In der warmen Jahreszeit wartet ein prall gefülltes Festival-Programm auf Gäste von Wologda. Ende Juni wird hier das internationale Festival der Volksgewerbe «Stimme des Handwerks» (russisch: Golos remjossel) ausgetragen und gleichzeitig das internationale Festival der Spitze «Vita Lace». Anfang Juli empfängt die Stadt Gäste aus Europa: hier findet das Festival der jungen europäischen Filmkunst VOICES statt, es werden Preise für das beste Debüt und ein Zuschauerpreis verliehen. Seit über 12 Jahre versammelt Wologda Mitte Juli russische und ausländische Musiker zum internationalen Festival «Blues auf der Veranda». Im Wologdaer Kreml findet die internationale Theater-Biennale «Stimmen der Geschichte» statt. Im Winter werden in Wologda Massenveranstaltungen zu Weihnachten, zu Jahreswende und zu Fastnachtswoche organisiert.

Neben dem Kultur- und Event-Tourismus entwickelt sich auch der Öko-Tourismus. Der Wologdaer Park «Russischer Norden» (russisch: Russki Sewer) gehört zu den 10 von Ökotouristen beliebtesten Nationalparks Russlands. Auf seinem Gelände befinden sich altertümliche Klöster: Kirillo-Beloserski Kloster und Kloster Ferapontow mit einzigartigen Dionsij-Fresken aus dem 16. Jahrhundert sowie die erste russische Einsiedelei, die Nil-Sorski-Einsiedelei. Auf dem Gipfel des Berges Maura liegt ein riesiger Stein mit einem Fußabdruck. Der Legende nach ist es die Spur des Ehrwürdigen Kirills, der sich vom Berg aus die Wologdaer Landstriche ansah, um einen passenden Ort für das Kloster zu finden. Von Wologda aus kann man eine Kreuzfahrt über Beloserje starten: knapp 50 Seen sind über Flüsse und Kanäle miteinander verbunden, zu ihnen zählt auch der berühmte Sewerodwinski-Kanal (deutsch: Nördliche-Dwina-Kanal). Das altertümliche Wologda versetzt seine Gäste gerne in Staunen durch seine unvergessliche Naturschönheit und einzigartige Meisterwerke der russischen Kultur.

Wie zu erreichen

Wologda befindet sich 460 km von Moskau und 630 km von Sankt Petersburg entfernt. Von Moskau aus kann man Wologda mit dem Zug in 8 bis 9 Stunden erreichen. Eine Bus- oder Autofahrt dauert eine Stunde weniger.

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