Am Zusammenfluss vom Tobol und Irtysch stellte im Sommer 1587 die Kosakengruppe unter der Anführung von Danila Tschulkow die erste Holzfestung, (russ. Ostrog) und die Dreifaltigkeitskirche auf. Tobolsk und Tjumen sind historisch die Mittbewerber um den Vorrang in Sibirien. Und obwohl der Ostrog in Tjumen früher entstand als in Tobolsk, erhielt Tobolsk als erster die Stadtrechte.
Noch eine Leistung von Tobolsk war der Bau des ersten steinernen Gebäudes in Sibirien. Das war die fünfkuppelige Sophienkathedrale. Danach errichtete man auf dem Troizki Kap nur im Laufe von neun Jahren das Hauptjuwel der Stadt: den einzigen steinernen Kreml in Sibirien. Die Festung mit den vier Meter hohen Mauern und neun Türmen flößte den Feinden so eine Ehrfurcht ein, dass sie nie angegriffen wurde. Für die Einfahrt in den Kreml verwendete man eine Hügelkluft, die Prjamskoj vzvoz, (Vzvoz — eine schräglaufende Straße, Einfahrt zum Hügel), hieß. Da, wo früher die Lastfuhrwerke rollten, gibt es jetzt eine Holztreppe aus dem XIX. Jahrhundert. Die alte Treppe zu den Kremlmauern hochzusteigen, ist ein Pflichtritual jedes Besuchers von Tobolsk. Das Gelände innerhalb des Kremls ist deutlich in kirchlich und weltlich geteilt. Rechts vom Eingang sind der Sophienhof und die Residenz des Metropoliten von Tobolsk und Tjumen, links — Paläste und Schlösser. Falls die Zeit für die Besichtigung von Tobolsk knapp ist, kann man sich auf die Kremlmuseen beschränken. Hier sind alte Ikonen, archäologische Fundstücke gesammelt, die Innenräume der Schlösser und Paläste sind restauriert.
Der Spazierweg an der Außenfassade des Kremls entlang ist ein Aussichtspunkt, von wo sich eine Aussicht auf untere Vorstadt, (russ. Nischni Possad), bietet. Seit alters her siedelten sich unterhalb des Kremls die reichen Kaufleute an. Heutzutage kann man in der Stadt ihre Wohnhäuser im Stil des sibirischen Barock mit einem reichen Dekor besichtigen. Ein echtes Schloss der Renaissancebaukunst gegenüber dem Alexandergarten, (russ. Alexandrowski sad), bauten die Kaufleute Kornilows, die Verwandten des Autors des Periodensystems Dmitri Mendelejews. Jetzt befindet sich in ihrem Schloss das Museum für Geschichte des Gerichtssystems in Westsibirien.
Die Blütezeit der Stadt fiel auf das XVIII. Jahrhundert. Bis zum XIX. Jahrhundert breitete sich die Macht von Tobolsk über ganz West-und Ostsibirien bis zum Pazifik aus. Es wurde das Pelzwerk hierher gebracht, das als Steuer von den Einheimischen eingetrieben wurde. Sein Verkauf im XVIII. Jahrhundert brachte dem Russischen Reich fast ein Drittel aller Erträge! Die Tatsache, dass die Stadt 1719 in den «Weiteren Abenteuern von Robinson Crusoe», Fortsetzung des populären Romans von Daniel Defoe, erwähnt wurde, spricht für die damalige Bekanntheit von Tobolsk. Die Hauptperson dort reist von Südostasien nach Europa über Russland und verbringt den Winter in Tobolsk. Jetzt steht im Square von Robinson Crusoe in der Remesow-Straße das Robinson Crusoe und Freitag-Denkmal.
In den 1820er Jahren, in der Epoche des Imperators Nikolai I., wurde Tobolsk zum Umschlagsplatz für Verbannte und zur Zwangsarbeit Verurteilte. Im Jahre 1838 fing man an, einen Turm auf dem Gelände vom Kreml zu bauen. Im XIX. Jahrhundert wurden dort die Dekabristen, (deutsch: Dezembristen), die russischen Schriftsteller F. Dostojewski, N. Tschernyschewski, N. Korolenko in Haft behalten. Und im Jahre 1839 wurde Omsk zur Hauptstadt von Westsibirien und Tobolsk verlor seine Bedeutung. Das letzte wesentliche Ereignis in der Stadtbiographie geschah 1918, als hier der letzte russische Imperator Nikolai II. mit der Familie und Dienerschaft innerhalb von neun Monaten lebte. Sein Kabinett-Museum im ehemaligen Gouverneurshaus steht heute für Besucher offen.
Sogar die Glocke, deren Läuten 1592 die Bewohner von Uglitsch über den Tod des Zarensohns Dmitri bekannt gemacht hatte, büßte in Tobolsk ihre Strafe ab. Auf Befehl des auf den Thron gestiegenen Boris Godunow wurde die Glocke nach Sibirien geschickt. Ihre Verbannung dauerte 300 Jahre. Am Ende des XIX. Jahrhunderts kehrte die Glocke nach Uglitsch zurück, aber in Tobolsk wurde ihre Kopie bewahrt.
In Tobolsk muss man die Aufmerksamkeit der traditionellen sibirischen Küche schenken. Ihr zu Grunde liegt der Fisch. In dieser Stadt lohnt es sich, Sterlet, Muksun, Peled-Lachs, gebratene Karauschen, örtliche Hechtfrikadellen zu kosten. Einen interessanten Geschmack haben auch Schangi, Teigtaschen mit einer Füllung aus Kartoffel- oder Mohrrübenpüree, verrührt mit Schmand. Unter den Süßigkeiten zeichnen sich einheimische Lebkuchen aus. Auf dem Gelände des Kremls funktioniert sogar ein «Schlosslebkuchencafe», wo die echten sibirischen Drucklebkuchen verkauft werden. Sie werden bis jetzt mit den rekonstruierten Lebkuchenbrettern aus dem XVIII.-XIX. Jahrhundert gebacken! Das Rezept der sibirischen Lebkuchen aus Roggenmehl und Honig unterscheidet sich von den anderen in Russland dadurch, dass es in den Teig die gemahlenen getrockneten Faulbeeren, Himbeeren oder Moosbeeren hinzugefügt werden.
Außer der Küche ist Tobolsk durch seine Handwerke berühmt. Das Hauptsouvenir in Tobolsk ist eine Figur aus Bein. Im Gouvernementsmuseum auf dem Roten Platz im Kreml kann man die einzigartigen aus Mammutstoßzähnen, Kaschelottszahn oder Elchhorn ausgeschnittenen Miniaturfiguren sehen. Die Meisterwerke der einheimischen Beinschnitzer kamen in die Sammlungen der besten Museen des Landes.
Im Alemasow-Kurort kann man sich vom Eintauchen in die Tobolsk-Geschichte zurücklehnen. Nur in neun Kilometer nördlich vom Tobolsker Kreml läuft man im Winter Ski und fährt Snowboard, im Sommer spielt man Paintball und probiert seine Kräfte im Kletterpark aus. Obwohl die Hauptattraktion der Touristen der majestätische Kreml bleibt, erstaunt Tobolsk seine Gäste mit den verschiedenartigen Überraschungen.
Wie zu erreichen
Der allernächste Flughafen von Tobolsk liegt 270 km von der Stadt entfernt, in Tjumen. Von dort aus kann man mit dem Bus, oder Zug, (russ. Elektritschka), nach Tobolsk kommen. Die Eisenbahnfahrt von Moskau dauert mindestens 38 Stunden.