Im bayerischem Furth im Wald leben nur ca. 9.000 Einwohner. Die Stadt besitzt noch einen zweiten offiziellen Namen: Drachenstadt - ein Name, der eher mit einer Legende verbunden ist. Die wirkliche Geschichte der Stadt hat jedoch mit dem Drachen nichts zu tun. Die Stadt wurde zum ersten Mal in der Chronik im Jahre 1086 unter dem Namen «Vurte» erwähnt. Der Ort diente als Zollpunkt an der Grenze zu den tschechischen Ländern. Im Jahre 1360 wurde dort die erste Kirche erbaut und im Jahre 1470 wurde in der Stadt die Landwehr gegründet. Sie war die erste Landwehr auf dem Territorium des heutigen Landes Bayern. Es war kein Zufall, dass die Landwehr genau dort gegründet wurde. Im 15. Jahrhundert geriet die Stadt ins Epizentrum der Hussitenkriege. Zwei Jahrhunderte später brach noch ein großer Krieg über die Stadt herein. Wie viele andere bayerische Städte, wurde auch Furth im Wald von den Ereignissen des Dreißigjährigen Krieges 1618-1648 Jahre stark beschädigt.
Im Jahre 1764 wurde Furth im Wald durch das Abkommen über die Demarkation zwischen Österreich, zu welchem damals die tschechischen Länder gehörten, und Bayern endgültig zu Bayern aufgenommen. Bis heute dient Furth im Wald als eine Grenzstadt. Ihre Rolle wurde während der Zeit des kalten Krieges besonders wichtig, als sie sich in direkter Nähe von dem für die BRD feindlichen «sozialistischen Lager» befand. Dennoch wurden die ehemaligen Verteidigungsanlagen im Jahre 1990, kurz nach der Wiedervereinigung Deutschlands, abgebaut. Heute gibt es gar kein Problem, von Tschechien aus Furth zu erreichen, was viele auch tatsächlich machen.
Die Stadt, welche sich auf halbem Weg von Bayern nach Prag befindet, zog bereits im Mittelalter viele Kaufmänner und Wanderer an. Damals, in der Blütezeit des Handels zwischen Bayern, Tschechien und Böhmen, profitierte auch Furth im Wald, wuchs und wurde wohlhabender. Im Jahre 1669 wurde dort das neue Kirchengebäude erbaut, welches bis heute erhalten blieb. Noch viele andere Bauten aus dieser Zeit blieben bis heute erhalten und gelten heute noch als eine Erinnerung an das damalige Reichtum der kleinen Stadt. Für Liebhaber der mittelalterlichen Architektur ist es bestimmt interessant, das wohl angenehmste Rathaus sowie auch die umgebenen malerischen Bauten zu besichtigen. Das Drachenthema ist natürlich in der Stadt in vollem Umfang gestaltet. Es gibt dort die Drachenhöhle, den Drachensee, den Drachengarten und sogar das Drachenmuseum.
Das wichtigste Stadtfest ist natürlich auch mit dem Drachen verbunden und trägt den Namen «Drachenstich». Seit dem Jahre 1590 findet es regelmäßig im August statt. Es beginnt in der Regel am 5. oder 6. August und dauert ca. drei Wochen. Drachenstich gilt als das älteste Volksfest Deutschlands. Die Legende besagt, dass der Drache, welcher damals in den umliegenden Wäldern lebte, von den Bewohnern von Furth im Wald regelmäßig forderte, ihm Menschenopfer zu bringen. Sie hatten das lange erleiden müssen, bis endlich ein junger Fahnenträger namens Udo riskierte den Drachen herauszufordern. Der beherzte und mutige Mann hatte den Drachen natürlich besiegt und schuf damit den Anfang für die schöne Tradition des Feierns der Stadtbefreiung vom bösen Drachen. Heutzutage ist es eine große theatralische mehrtägige Show. Jährlich nehmen daran mehr als 1500 Darsteller und über 200 Pferde teil. Die Hauptperson des Festes ist aber natürlich der Drache. Früher diente eine riesige Puppe zur Darstellung des Drachen. Jetzt wird ein gigantischer Roboter mit Fernbedienung verwendet. Dieses feuerspeiende Ungeheuer trägt sogar einen Namen — TRADINNO. Der Name entstand eigentlich durch die Verbindung der Wörter TRADition und INNOvation. Das Fest wird von einem Musik-Festival, kostümierten Zügen, dem Jahrmarkt und anderen feierlichen Veranstaltungen begleitet.
Das ist aber noch nicht alles an Feiern. Nach dem Abschluss des Festes beginnt in der Stadt sofort ein anderes Fest. Es heißt Cave Gladium («Verteidige dich vor dem Schwert»). Es ist die Rekonstruktion eines mittelalterlichen Ritter-Turniers. Innerhalb von drei Tagen kämpfen die Fans historischer Kostüme, die in Rüstung gekleidet sind, mit Schwertern. Das Fest gilt als Erinnerung an die traurige Geschichte der Hussitenkriege. Im Jahre 1431 wurde nämlich in dieser Gegend die Ritterkavallerie von den Wanderbauern, den sogenannten Hussiten besiegt. Während des Turniers werden auch Wettkämpfe wie das Bogenschießen und das Fischerstechen veranstaltet. Während der Wettbewerbe versuchen die Teilnehmer, ihre Gegner aus dem Boot mit Hilfe von Stangen ins Wasser zu stürzen. Um dieses Fest zu erleben erscheinen in Furth im Wald Gäste aus ganz Deutschland, aus dem benachbarten Tschechien sowie auch aus vielen anderen Ländern.
In dieser gemütlichen bayerischen Stadt gehört das schmackhafte und preiswerte Essen auch zu den lokalen Sehenswürdigkeiten. Touristen finden dort zahlreiche Cafés, Imbisse und Restaurants mit bayerischer und böhmischer Küche. Zum Beispiel ist dort überall das sowohl in Bayern als auch in Tschechien beliebte Eisbein zu probieren. Ein Muss ist auch den typisch bayerischen Leberkäse zu probieren. Trotz des Namens ist es ein Fleischgericht. Das gehackte Schweine- und Rindfleisch wird in spezielle Formen gelegt und anschließend gebacken. Nach dem Backen sieht das Fleisch wie ein Brotlaib aus. Eigentlich wurde der Leberkäse ursprünglich in Brotformen zubereitet. Dann wurde dem gebackenen «Laib», dessen Aussehen dem bekannten Schinken ähnelt, in Scheiben geschnitten (wieder wie ein Brot) und am Tisch serviert. Der Leberkäse erfordert eine Beilage, in der Regel aus Kartoffelklößen, Salzgurken oder Sauerkraut. Dazu wird auch unbedingt Senf angerichtet, der zum Leberkäse ganz gut passt. Das Essen wird perfekt mit einem Bier, welches es im an der Grenze zwischen Bayern und Tschechien liegenden Furth im Wald im Übermaß und in verschiedenen Sorten gibt, ergänzt.
Furth im Wald ist aus vielerlei Hinsicht eine interessante Stadt. Das einzigartige Drachenfest ist nicht die einzige markante Eigenschaft. Die Stadt spielt auch die Rolle einer metaphorischen Brücke zwischen der deutschen und der slawischen Welt. Hier finden häufig verschiedene kulturelle Veranstaltungen statt, die den Zweck besitzen, die Nähe die europäischen Völker zu betonen. Ein weiteres Konzept, welches die Stadtbehörden versuchen in die Praxis umzusetzen, ist die Kombination von Tradition und Innovation. Es ist kein Zufall, dass der Drache, welcher jeden August auf dem bedeutendsten Fest der Stadt getötet wird, den Namen «Tradinno» trägt.